Friede bricht aus – arabischer Frühling ohne Blut

Die Arabische Liga zeigt, dass Verhandlungen ohne die USA zu Frieden führen und wohl zur kompletten Emanzipation vom kollektiven Westen.

Peter Hänseler

Quelle: Nordkirche

Einleitung

Sprachlos steht der kollektive Westen da; der Globale Süden bringt es fertig, verfeindeten Parteien Frieden beizubringen; nicht aus Liebe, sondern aus der Erkenntnis heraus, dass Feindschaft für die Völker nichts bringt ausser Hass und Elend, und Feindschaft ist schlecht fürs Geschäft. 

Saudi-Arabien, welches jahrelang den Iran zum grossen Feind erklärte, schliesst Frieden mit den Persern, um gemeinsam den Organisationen BRICS und SCO beizutreten. 

Saudi-Arabien, das Präsident Assad 2011 zum Todfeind erklärte und Milliarden ausgab für Waffen, Bestechungsgelder und Terroristen, um diesen zu stürzen, nimmt Syrien wieder in die Arabische Liga auf, eine Organisation, welche im Westen bis jetzt kaum zur Kenntnis genommen wurde. 

Diese Liga könnte neben BRICS, SCO, der Eurasien Economic Union (EEU) erstarken und ein weiteres Gestirn im Kosmos der Multipolarität werden. 

Einige Gedanken als möglicher Kompass, der aufzeigt, wo die Reise hingehen könnte.

Wortdefinitionen

Kollektiver Westen

Seit kurzer Zeit wird ein neuer Begriff verwendet, welcher jene Länder beschreibt, die auf der geopolitischen Seite der USA stehen. 

Der «Kollektive Westen» ist kein perfekter Begriff, da dazu auch Länder gehören, welche im Osten liegen, wie Japan, Australien und Südkorea. 

Es ist somit eher ein geopolitischer Begriff als ein geographischer. Wir werden ihn in Zukunft so verwenden.

Globaler Süden

Als Globaler Süden können die BRICS+ Länder, die Länder der SCO, die Eurasische Wirtschaftsunion (EEU) und neu – meines Erachtens – die Arabischen Liga beschrieben werden. 

Dazu sollten wir nicht nur die direkten Mitglieder dieser Organisationen zählen, sondern auch jene in deren Dunstkreis.

Auch der Begriff «Globaler Süden» kann lediglich geopolitisch verstanden werden. Das grösste Land der Erde etwa, Russland, gehört zu dieser Gruppe, und liegt nicht im Süden. 

Die Arabische Liga

Dieser lockere Verbund arabischer und afrikanischer Staaten ist alles andere als neu: Diese Liga wurde bereits 1945 nach dem zweiten Weltkrieg gegründet und sollte die Kooperation unter ihren Mitgliedern auf politischer und wirtschaftlicher Ebene verbessern und festigen. 

Heute gehören 22 Länder dazu, ganz reiche und grosse, ganz arme und kleine. 

Quelle: Wikipedia

Das mächtigste Mitglied dieser Organisation ist sicherlich Saudi-Arabien, welches zu den Gründungsmitgliedern zählt und mit Abstand das reichste Land in dieser Organisation ist. 

Wichtig in diesem Zusammenhang ist jedoch, dass der  amerikanische Einfluss auf Saudi-Arabien seit dem 2. Weltkrieg riesig war. 

Dieser Einfluss beruhte vereinfacht gesagt auf zwei wichtigen Ereignissen. 

«Damit war der Petrodollar geboren und die Vorherrschaft Amerikas für die kommenden 50 Jahre gesichert.»

Kurz vor dem Ende des zweiten Weltkriegs, trafen sich am Valentinstag 1945 der amerikansiche Präsident Roosevelt und der saudische König Ibn Saud auf einem amerikanischen Kriegsschiff im Suez Kanal. Bei diesem Treffen, gab Amerika Sicherheitsgarantien für das Königreich im Gegenzug für den Zugang zu erschwinglichen Energielieferungen ab. Dies war essentiell für die weitere industrielle Entwicklung der USA und schwächte gleichzeitig den Einfluss der Engländer im Nahen Osten; Roosevelt verabscheute die Kolonialpolitik Churchills, obwohl diese beiden sich persönlich gut mochten. 

 

König Ibn Saud und Präsident Roosevelt, 1945 – Quelle: Wikipedia

Ein weiteres wichtiges Ereignis waren die Verhandlungen Henry Kissingers im Jahre 1973, als er – wiederum – militärischen Schutz versprach und im Gegenzug die Zusage bekam, dass die Saudis ihr Öl ausschliesslich in US-Dollar verkauften und die Einnahmen in amerikanische Obligationen investierten. Damit war der Petrodollar geboren und die Vorherrschaft Amerikas für die kommenden 50 Jahre gesichert. 

Henry Kissinger mit König Faisal, 1973, Quelle: Library of Congress

Das sind die Hauptgründe dafür, dass die Arabische Liga nie wirklich in die Gänge zu kommen vermochte, da diese keine klare Linie im Interesse dieser Gemeinschaft fahren konnte und somit ihr Potential durch das Destabilisierungskonzept der USA im Nahen Osten nie auszuschöpfen vermochte – bis heute.

Bürgerkrieg in Syrien – der Grund für die Feindschaft mit Saudi-Arabien

Der von den USA angerissene Bürgerkrieg in Syrien hat nichts mit Freiheit gegen Diktatur zu tun, wie dies uns im Westen weisgemacht wurde und wird. 

«Das hat Präsident Assad beinahe den Kopf gekostet»

Vielmehr ging es um handfeste ökonomische Interessen der USA bzw. ihrer Verbündeten und das alte Bestreben der USA, Russland zu schaden. 

Für die Versorgung Europas mit Gas aus dem Nahen Osten bestanden zwei Projekte: 

Projekt 1, das von den USA unterstützt wurde, sah Gas aus Qatar durch eine Gaspipeline von Qatar-Saudi-Arabien-Syrien-Türkei fliessen. 

Projekt 2, das von Russland unterstützt wurde, sah iranisches Gas durch eine Gaspipeline von Iran-Iraq-Syrien fliessen. 

Quelle: Oil-Price.net

Da Syrien seit über 40 Jahren mit Russland verbündet war – und ist – favorisierte Syrien loyal das russische Projekt und stimmte der Durchleitung der Qatar-Pipeline nicht zu. 

Das hat Präsident Assad beinahe den Kopf gekostet als die USA Terroristen nach Syrien einschleusten und einen verheerenden Bürgerkrieg auslösten. 

Die Russen halfen Assad mit geringen, aber effizienten militärischen Mitteln, das Land zu retten, was – zur Überraschung Vieler – gelang.

Für eine detaillierte Analyse des Kriegs in Syrien sei hier auf eine hervorragende Studie des Analysten Endre Szénasi verwiesen. 

Als direkte Konsequenz wurde – auf Betreiben der Amerikaner – Syriens Mitgliedschaft in der arabischen Liga 2011 suspendiert. 

«Was seit gut einem Jahr im Globalen Süden passiert, kann nur mit dem Adjektiv «atemberaubend» beschrieben werden.»

Damals machten die Saudis noch mit als Handlanger der Amerikaner. 

Der grösste geopolitische Fehler des 21. Jahrhunderts. 

Dieser Blog beschreibt seit April 2022 die Einfrierung der Fremdwährungsreserven der Russischen Zentralbank durch den Westen als den grössten geopolitische Fehler des 21. Jahrhunderts – als geschichtsträchtigen Katalysator. 

Was seit gut einem Jahr im Globalen Süden passiert, kann nur mit dem Adjektiv «atemberaubend» beschrieben werden. 

Die Veränderungen sind so brachial, dass diese Tatsache nicht oft genug wiederholt werden kann. Und ich betone, dass infolge dieses amerikanischen geopolitischen dummen Akts, des Einfrierens der russischen Fremdwährungsreserven, der gesamte Globale Süden – allen voran China und Indien – sich von den westlichen Reservewährungen US-Dollar und Euro abkoppeln werden. 

Das Vertrauen – Basis jeglicher finanzieller Transaktionen, ob privat, geschäftlich oder auf großer politischer Ebene – ist weg. Man traut dem Westen nicht mehr – zu Recht. 

Friede zum Wohl der Multipolarität

De-Dollarisierung braucht Frieden

Die De-Dollarisierung ist ein riesiges Unterfangen, denn der US-Dollar und der Petrodollar beherrschen den Globus seit dem 2. Weltkrieg bzw. seit ca. 1974 als Henry Kissinger durch einen genialen Deal mit den Saudis den Petrodollar schuf, wie oben beschrieben. Dazu schrieb ich übrigens bereits im April letzten Jahres einen Artikel, welcher zuerst in der schweizerischen Wochenzeitung Weltwoche publiziert wurde. 

Der grossen Macht des Petrodollars ist sich der Globale Süden wohl bewusst. Der Umstand etwa, dass China und Russland den US-Dollar im bilateralen Verhältnis nicht mehr verwenden, wird die Vorherrschaft des US-Dollars nicht brechen. Dessen sind sich die Chinesen und die Russen bewusst und dieser Umstand allein ringt den Amerikanern lediglich ein müdes Lächeln ab. 

Was hat dieser Friedensausbruch nun mit der De-Dollarisierung zu tun?

Ein solches Grossprojekt funktioniert nur, wenn ein grosser Teil des «Rests der Welt» koordiniert mitmacht. Da hat es keinen Platz für Streithähne. 

«Diesen Ländern ist eine Hauruck-Politik oder Shock and Awe-Taktik fremd.»

Für viele im Westen ist es überraschend, dass stark verfeindete Nationen wie Iran, Saudi-Arabien und Syrien in Interesse der Gemeinschaft des Globalen Südens Frieden schliessen, um die Vorherrschaft des US-Dollars zu brechen. 

Das ist ein Zeichen dafür, dass die Mulitpolare Welt friedensstiftend ist. 

Diese Veränderungen gehen langsam und auf verschiedene Organisationen aufgeteilt vonstatten, was typisch ist für die Mentalität des Globalen Südens. 

Diesen Ländern ist eine Hauruck-Politik oder Shock and Awe-Taktik fremd. Sie suchen behutsam und wohlkoordiniert Stabilität und Verlässlichkeit, Grundvoraussetzungen auf Respekt basierender Beziehungen. Das sind Tugenden, die geradezu ideal zu den Mentalitäten Chinas und Russlands passen. 

Fehlgeschlagene Sanktionen als erster Schlag

Der erste grosse Schlag ist bereits gelungen, ohne als Schlag erkannt worden zu sein. 

Sehr zur Überraschung des kollektiven Westens beteiligte sich der grosse Teil der Welt nicht an den Sanktionen gegen Russland. Man liess sich von den Amerikanern nicht mehr unter Druck setzen. 

Die Konsequenzen davon sind vor allem für Europa tückisch, welche – auf Befehl aus Washington – die Sanktionen beinahe allein zu tragen hatten, denn die USA sind in Russland kaum investiert. 

Europa schwächt sich durch die Sanktionen selbst in einem Masse, das der kollektive Westen nicht erwartet hatte. Eine unglaubliche wirtschaftspolitische Fehlleistung. Da Russland dadurch nicht geschwächt, sondern gestärkt wurde, führt dies zu einem Doppeleffekt zulasten Europas. 

Vier Organsiationen als Kosmos

Die vier oben erwähnten Organisationen – BRICS+, SCO, EEU und Arabische Liga – sollte man in diesem Prozess, den Globalen Süden wirtschaftlich – und wohl später auch militärisch – zu formen, nicht zu sehr voneinander separieren, sondern diese als Teil eines Ganzen betrachten – als Planeten in einem Kosmos. 

Divide et impera

Divide et impera – lateinisch für «teile und herrsche» – wurde zur Beschreibung der römischen Aussenpolitik verwendet.  Sie beschreibt die Politik, eine Gruppe von Völkern in Untergruppen mit widerstrebenden Interessen gegeneinander in Stellung zu bringen, um der Gruppe insgesamt den Weg zu versperren, gemeinsame Interessen zu vertreten und durchzusetzen. 

Mit Fug darf man behaupten, dass die Amerikaner diese Politik seit dem Ende des 2. Weltkriegs sehr erfolgreich – auf Kosten der Betroffenen – angewandt haben. 

In Nahen Osten ist dies am einfachsten zu erkennen. Destabilisierung des Irans 1953 durch die Aktion AJAX, beschrieben in unserem Artikel «Krieg ohne Frieden»; die Kriege um Israel in den 60-iger und 70-iger Jahren; der Iran-Irak Krieg in den 80-iger Jahren; die Golfkriege gegen den Irak 1991 und 2003, die Invasion Afghanistans 2001 und schliesslich der Bürgerkrieg in Syrien 2011. Die Aufzählung ist nicht vollständig.

Eine erfolgreiche Implementierung dieser Politik setzt jedoch eines voraus: Vorherrschaft und die Kraft, Angst unter den einzelnen Nationen der betroffenen Gruppe zu verbreiten. Auf gut US-amerikanisch: Dollar und Militär.

Meiner Meinung nach hat sich das Blatt durch den Umstand gewendet, dass die Amerikaner ihre Strategie in den letzten 20 Jahren trotz Billioneninvestitionen und Millionen von toten Zivilisten nicht mehr durchsetzen konnten. 

«Die Angst vor den Amerikanern und ihren Vasallen ist verflogen.»

Die Schlappe im Irak, der erniedrigende Abzug aus Afghanistan nach über 20 Jahren Krieg und schliesslich der Umstand, dass es Präsident Assad und den Russen gelang, den Amerikanern eine erniedrigende Niederlage in Syrien beizubringen, führten zu einem Umdenken nicht nur im Nahen Osten, sondern im gesamten Globalen Süden. 

«Divide et impera» von «Frieden in der Gruppe» abgelöst

Vergleichbar einem Produktlebenszyklus in der Industrie ist die US-Politik – vorsichtig formuliert – in der Sättigungsphase angekommen. Das liess bei den Ländern im Nahen Osten die Erkenntnis reifen, dass Friede und gemeinsame gegenseitig vorteilhafte Prinzipien und Beziehungen untereinander diese Völkergruppe gegen weitere Aggressionen der USA und des kollektiven Westens insgesamt zu schützen vermögen.

Die Angst vor den Amerikanern und ihren Vasallen ist verflogen. Es wird den Amerikanern zukünftig deutlich schwerer fallen, Zwietracht in der arabischen Welt zu sähen.

Eine klare Indikation dieser Entwicklung ist etwa, dass die Saudis ihr Öl in Yuan und Rupien verkaufen. Eine Abwendung vom US-Dollar als Transaktionswährung kostete Saddam Hussein 2003 und Präsident Gaddafi 2011 noch den Kopf als ersterer für seine Exporte Euro entgegennahm und Gaddafi den Gold Dinar schaffen wollte. 

Das kommt den grossen BRICS-Staaten sehr entgegen, welche nach dem Friedenschluss zwischen Saudi-Arabien und Iran mit grosser Freude deren Mitgliedschaft bei BRICS und der SCO unterstützten. 

Friede, geleitet von nationalen Interessen statt Feinbilder

Es ist ein offenes Geheimnis, dass die amerikanische Aussen- und Innenpolitik immer Feinbilder kreiert, um das Volk als ultimativen finanziellen Sponsor bei der Stange zu halten. 

Aussenpolitisch und auch innenpolitisch waren dies nach dem 2. Weltkrieg zuerst die Kommunisten, welche nicht nur international verfolgt wurden, sondern auch – zwischen 1947 und 1956 – in den USA, wo Joseph McCarthy eine regelgerechte Hexenjagt nicht nur gegen sie, sondern gegen einfach liberal denkende Menschen oft aus Künstlerkreisen veranstaltete. 

Mit dem Fall der Mauer hatten die Kommunisten ihre Pflicht erfüllt – sie wurden von den Terroristen abgelöst – der «War on Terror» war geboren. 

Dann kamen erneut die Russen und nun schliesslich – auch zum wiederholten Male – die Chinesen an die Kasse – ohne Feind geht es nicht. 

Die Menschen im Globalen Süden funktionieren da ganz anders. Bereits die Russen, welche sich nicht nur als Europäer sehen, sondern es ganz ohne Zweifel auch sind, zeigten sehr bald nach dem Ende des 2. Weltkriegs, dass sie – als meistgeschundenes Volk des 2. Weltkriegs – eine emotionale Strategie des Vergebens, nicht jedoch des Vergessens anwandten und damit nicht nur Bitterkeit im Inneren, sondern auch Sympathien von aussen gewannen.

Ich bin nun kein Kenner der arabischen oder chinesischen Mentalität, aber die Friedensschlüsse zwischen verfeindeten Nationen ist für Westler mehr als überraschend und wird meines Erachtens zu einer kompletten Emanzipation vom Kollektiven Westen führen. 

Fazit

Die Friedenschlüsse im Nahen Osten sind in ihrer Wichtigkeit nicht zu unterschätzen. 

Die Arabische Liga wird wohl neben BRICS, SCO und EEU als vierter Planet zum Kosmos des globalen Südens stossen.

Die Vorherrschaft der USA im Nahen Osten scheint vorbei zu sein, da durch den Frieden die Strategie von «divide et impera» nicht mehr funktionieren wird und die Angst vor den USA durch Zuversicht der Gemeinschaft abgelöst wird.

Die Emanzipation vom kollektiven Westen und vom Petrodollar nimmt Fahrt auf, katalysiert durch Fehlentscheide des Westens.


Friede bricht aus – arabischer Frühling ohne Blut

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