Avdiivka ist gefallen – Einordnung

Es ist keine Überraschung, dass Avdiivka gefallen ist. Interessant ist das Tempo, das Wie und das Warum.

Peter Hänseler

Screenshot 18. Februar – Quelle: Military Summary

Einleitung

Die Tatsache, dass Avdiivka gefallen ist, war zu erwarten. Wir haben darüber vor ein paar Tagen berichtet «Kriegsbericht: Avdiivka vor dem Fall – Kurzmeldung».

In diesem Artikel beurteilen wir das Wie, das Warum und unsere Beurteilung der möglichen Folgen für den weiteren Kriegsverlauf, denn es gab bezüglich Zeitablauf und Intensität neue Aspekte, welche bis anhin in diesem Konflikt nicht zu beobachten waren.

Ablauf

Geschwindigkeit

Der erste Aspekt, welcher überrascht, ist die Geschwindigkeit, in welcher diese Stadt gefallen ist. In unserem letzten Kriegsbericht vom 12. Februar berichteten wir, dass ein Grund, warum Zaluzhny durch Syrskyi ausgewechselt wurde, wohl darin bestand, dass Selenski diese Stadt mindestens bis zum 17. März halten wollte, um Präsident Putin den Sieg über diese Stadt für seinen Wahlkampf vorzuenthalten. Die Strategie der Ukrainer war es somit, für weitere fünf Wochen auszuhalten.

Gestern befahl jedoch General Syrskyi bereits den Rückzug aus Avdiivka. Begründet wurde dieser Entscheid damit, dass man Menschenleben retten wollte. Das passt nun so gar nicht zur Reputation Syrskyis, der den Spitznamen «Butcher von Bachmut» (zu deutsch: Metzger von Bachmut) trägt, da er im letzten Frühling tausende seiner Soldaten in Bachmut verheizt hatte. Man kann davon ausgehen, dass er genau wusste, welche Truppen sich in dieser Stadt befanden und über deren Qualität und Zustand im Bilde war. Weiter wurden die Elite-Truppen Azov aus Kiew nach Avdiivka verlegt, um die Stadt zu halten.

Zersetzung der Kampfmoral

Nach verschiedenen Quellen – unter anderem Military Summary – war der tatsächliche Grund nicht etwa Menschlichkeit, sondern die Tatsache, dass sich die Truppen schlichtweg weigerten, in die Schlacht zu ziehen, sprich: Befehlsverweigerung.

Das ist nicht überraschend, da seit Wochen hunderte von Videos von ukrainischen Truppen publiziert wurden, in welchen diese die katastrophale Versorgung mit Waffen, Munition und sogar Essen beklagten. Weiter meldeten sich immer mehr Truppen, welche bereits seit 18 Monaten ununterbrochen an der Front waren, ohne je rotiert worden zu sein, d.h. ohne je einen Fronturlaub erhalten zu haben. Diese verlangten, dass die «Золотая молодёжь» oder «goldene Jugend» auch «мажо́ры» genannt, d.h. die Kinder der Bonzen und Privilegierten in der Ukraine an die Front geschickt werden sollen. Dieser Umstand für sich allein zeigt auf, dass das innerste Gewebe – die Kampfmoral – der Streitkräfte sich am zersetzen ist.

Dazu kommt der Umstand, dass die verstörenden Bilder der Zwangsrekrutierungen in der Ukraine, welche Menschenjagten zeigen, keine Ausnahmen darstellen, sondern die Stimmung in der ukrainischen Bevölkerung wohl realistischer darstellen, als es den ukrainischen Behörden lieb ist.

Vergleich zu Bachmut

Bachmut fiel erst als der letzte Quadratmeter der Stadt physisch erobert war. Diese Stadt war nach Mariupol die zweite grosse Eroberung der Russen. Bachmut fiel nach blutigen Kämpfen, welche im Herbst 2022 begannen am 20. Mai 2023 beendet waren, wobei in den acht Monaten auch viele Russen fielen, vor allem Kämpfer aus der Wagner-Gruppe.

Military Summary schätzt, dass Avdiivka bereits fiel als erst ca. 10% der tatsächlichen Stadtfläche erobert war. Die Russen hätten seit Bachmut viel gelernt und seien taktisch äusserst intelligent vorgegangen, konzentriert darauf, vor allem Versorgungswege der Ukrainer zu blockieren, wobei dies bereits aus der Ferne durch Unterbindung der Versorgung mit Artillerie erreicht wurde.

Die beste Schule für Streitkräfte ist der Krieg selbst. Die erlernte Taktik werden die Russen auf jeden Fall in der Zukunft anwenden, um Zeit, Mensch und Material zu sparen.

Luftüberlegenheit

Ein weiterer Faktor, welcher den russischen Streitkräften zum Vorteil gereichte, ist der Umstand, dass die Luftstreitkräfte vermehrt eingesetzt werden konnten, da die Luftabwehr der Ukrainer immer weniger funktioniert.

Weitere Entwicklung

Die Einnahme von Avdiivka ist ein grosser Sieg für Russland, denn Avdiivka war die letzte Stadt in Donetsk, welche von den Ukrainern seit 2014 zur Festung ausgebaut wurde. Weiter werden die Zivilisten das erste Mal seit neun Jahren ruhiger schlafen können, da seit 2014 anhaltenden Artillerieangriffe auf die Zivilbevölkerung aus Avdiivka aufhören werden.

Inwieweit die Städte westlich von Avdiivka befestigt sind, und somit weitere langwierige Operationen der Russen nötig machen, ist nicht abschliessend zu beurteilen. Man hört jedoch bereits jetzt von ukrainischen Truppen, dass die westlich von Avdiivka gelegenen Orte schlecht vorbereitet seien.

Meines Erachtens birgt die schlechte Moral in den Truppen das grösste Gefahrenmoment für die ukrainischen Streitkräfte. Das Vertrauen der Soldaten, dass die Führung sie mit Waffen, Munition, Verpflegung und medizinischer Versorgung versorgt, ist die moralische Basis jeder Streitmacht. Inwiefern die beschriebenen Missstände lediglich das Donetsk-Gebiet betreffen oder die gesamten Front, ist zur Zeit unklar.

Was jedoch jedenfalls moralzersetzend ist, scheint der zunehmende Unwille in der ukrainischen Bevölkerung zu sein, die sich daran manifestiert, dass junge Ukrainer nicht mehr bereit sind, an die Front geschickt zu werden, um dort als Kanonenfutter verheizt zu werden.

Auf russischer Seite ist zu beobachten, dass die Luftstreitkräfte sich freier und ungestörter bewegen können; das ist ein grosser Vorteil.

Fazit

Wir sind immer sehr vorsichtig darin, Prognosen abzugeben, da es unmöglich ist, die Situation an jedem Abschnitt der gigantisch langen Front von über 1’000 Kilometern zu beurteilen. Avdiivka ist ein Punkt an der Front. Von der Situation in diesem Abschnitt für die die gesamte Front Urteile abzugeben, wäre fahrlässig, denn im Krieg kann immer überall alles passieren.

Dennoch, der Trend zeigt auf eine klare Stärkung der russischen und auf eine Schwächung der ukrainischen Seite hin. Moral kann man nicht kaufen – starke Moral hängt vom Vertrauen der Truppe in die Führung, die Unterstützung in der jeweiligen Bevölkerung sowie von Erfolgen ab.

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